Sey es, wie es sey   

Hermann Göring


Hermann Görings Leben: Eine Synopsis


1893
12. Januar: Hermann Göring wird als Sohn des Juristen und hochrangigen Kolonialbeamten Heinrich Göring und dessen Ehefrau Franziska (geb. Tiefenbrunn) im Sanatorium Marienbad in Rosenheim (Bayern) geboren.

ab 1898
Gemeinsam mit vier Geschwistern und den Eltern lebt Göring auf den Besitztümern von Dr. von Epenstein.

1913
Abschluß der Kadettenanstalt mit dem Abitur und dem Offiziersexamen.

1914
Januar: Leutnant im 112. Infanterieregiment bei Mühlhausen (Elsaß).
Nach Beginn des Ersten Weltkriegs Meldung zur Fliegertruppe.

1915
Göring unternimmt Aufklärungsflüge im Nordosten Frankreichs und erhält das Eiserne Kreuz (Erster Klasse). Nach erfolgreicher Absolvierung der Fliegerschule in Freiburg wird er Jagdflieger, ist jedoch nach einem Abschuß ein Jahr lang nicht einsatzfähig.

1916/17
Nach weiteren Flugeinsätzen erhält Göring die Leitung der 27. Luftstaffel.

1918
Mai: Als einem der bekanntesten Jagdflieger im Ersten Weltkrieg wird ihm mit dem Orden Pour le Mérite die höchste Kriegsauszeichnung verliehen.
Juli: Nach dem Tod Manfred von Richthofens erhält Göring das Kommando über das legendäre Richthofen-Geschwader.

1919-1921
Er arbeitet als Kunstflieger und als Pilot der Zivilluftfahrt in Skandinavien.

1921
Rückkehr nach Deutschland. Göring belegt die Vorlesungen für politische Wissenschaften an der Münchner Universität, beendet das Studium jedoch nicht.

1922
Heirat mit der Schwedin Carin von Kantzow (geb. Fock).
November: Auf einer Protestkundgebung gegen den Versailler Vertrag lernt Göring Adolf Hitler kennen und tritt der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) bei. Hitler beauftragt ihn mit der Führung der im Aufbau befindlichen Sturmabteilung (SA).



1923
9. November: Beteiligung am Hitler-Putsch.
Nach dessen Scheitern flieht Göring schwerverletzt nach Österreich und Italien. Er entwickelt aufgrund der medikamentösen Behandlung eine Morphiumabhängigkeit.

1925
Göring unterzieht sich einer Entziehungskur in einer schwedischen Heilanstalt, bleibt jedoch drogenabhängig.

1927
Nach der vom Reichspräsidenten Paul von Hindenburg erlassenen Amnestie für politische Straftaten kehrt Göring nach Deutschland zurück. Er arbeitet in Berlin als Vertreter für Flugzeugmotoren.
Im Anschluß an ein Treffen mit Hitler in München benutzt Göring seine gesellschaftlichen Beziehungen, um für die NSDAP Geldmittel zu erlangen.

1928-1945
Mitglied des Reichstags für die NSDAP. Göring gewinnt Vertreter der Industrie, der Reichswehr und der Aristokratie für die Nationalsozialisten.

1930
Hitler ernennt ihn zu seinem politischen Berater.

1931
17. Oktober: Tod seiner Ehefrau.

1932
30. August: Wahl zum Reichstagspräsidenten, da die NSDAP als stärkste Fraktion aus den Wahlen hervorgegangen ist.

1933
Nach Hitlers Regierungsantritt am 30. Januar wird Göring Reichsminister ohne Geschäftsbereich und erhält mit dem "Reichskommissariat für das preußische Innenministerium" die Kontrolle über die preußische Polizei. Er entläßt 22 der 32 Polizeipräsidenten, besetzt deren Positionen mit Nationalsozialisten und verstärkt die Polizei durch 50.000 Mitglieder der SA, der Schutzstaffel (SS) und des "Stahlhelm". Durch Reorganisation des Sonderdezernats der politischen Polizei gründet er das Preußische Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa) unter der Leitung Rudolph Diels (1900-1957). Gemeinsam mit Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich spielt Göring insbesondere nach dem Reichstagsbrand eine entscheidende Rolle bei der Verfolgung politischer Gegner und bei der Errichtung der ersten Konzentrationslager.
10. April: Ernennung zum Preußischen Ministerpräsidenten.
29. April: Göring gibt die Gründung des "Reichsluftschutzbunds" bekannt. Männer und Frauen werden als Luftschutzwarte ausgebildet.
Mai: Ernennung zum Luftfahrtminister und zum Reichsforst- und Reichsjägermeister.
August: Hindenburg ernennt Göring zum General.
26. April: Göring veranlaßt die Verlegung des Gestapo-Hauptquartiers in die Berliner Prinz-Albrecht-Straße.


1934
Er läßt in der Schorfheide (nördlich von Berlin) ein monumentales Jagdschloß bauen, daß er zu Ehren seiner verstorbenen Frau "Carinhall" nennt.
20. Mai: Göring verliert das Preußische Ministerium des Innern mit der Gestapo, da es in das Reichsministerium des Innern überführt wird.
30. Juni / 1. Juli: Mit Unterstützung Himmlers und Heydrichs leitet Göring die Ermordung der politischen Gegner.

1935
März: Göring übernimmt den Oberbefehl über die neu gegründete Luftwaffe. Beim weiteren Aufbau der Luftstreitkräfte setzt er zu Lasten der Luftabwehr auf den Bau von Offensivflugzeugen.
10. April: Heirat mit der Schauspielerin Emmy Sonnemann (1893-1973). Aus der Ehe geht eine Tochter hervor (Obwohl Göring sich nach den Verwundungen , die er sich beim Novemberputsch zuzog für unfruchtbar hielt), die nach Benito Mussolinis Tochter Edda genannt wird.

1936
Göring unterzieht die junge Luftwaffe einem ersten Bewährungstest und setzt die "Legion Condor" zugunsten von Francisco Franco im Spanischen Bürgerkrieg ein und läßt das Dorf Guernica bombardieren.
18. Oktober: Ernennung zum Reichsbeauftragten für den Vierjahresplan. In enger Zusammenarbeit mit der Industrie bereitet Göring den Krieg vor. Er soll die wirtschaftliche Autarkie Deutschlands verwirklichen.

1937
Juli: Göring gründet in Salzgitter die staatseigenen "Reichswerke Hermann-Göring". Geplant ist die Verhüttung von Eisenerz in 32 Hochöfen, bis zum Kriegsende sind zwölf fertiggestellt. Das Unternehmen ist 1944 mit 228 Betrieben der größte europäische Stahlkonzern.

1938
Seine außenpolitischen Verhandlungen mit dem italienischen "Duce" Mussolini und mit den Vertretern Englands, Frankreichs, Polens und Ungarns haben maßgeblichen Anteil am Erfolg des "Anschlusses Österreichs" und des Münchner Abkommens.
4. Februar: In Zusammenarbeit mit Hitler sind Göring und Himmler an den Intrigen beteiligt, die zum Rücktritt des Oberbefehlshaber des Heeres Werner Freiherr von Fritsch und des Generalfeldmarschalls der Wehrmacht Werner von Blomberg führen. Damit hat Hitler die Möglichkeit, die militärischen Spitzenpositionen mit ihm loyal ergebenen Personen zu besetzen.
8. Februar: Ernennung zum Generalfeldmarschall der Wehrmacht
April: Auf Görings Veranlassung wird enteignetes jüdisches Vermögen, das zuvor auf Sperrkonten lagerte, dem Staat zugeführt.
November: Göring fordert von der jüdischen Bevölkerung eine Milliarde Reichsmark Schadensersatz für die Gewalttaten der Nationalsozialisten in der Reichskristallnacht an den Juden. Letzllich werden die Juden zur Zahlung von 1,2 Milliarden Reichsmark gezwungen. Göring untersteht die Koordination der Arisierungsmaßnahmen, die u.a. zur Ausschaltung der Juden aus der deutschen Wirtschaft führen.

1939
30. August: Ernennung zum Vorsitzenden des Reichsverteidigungsrats.
31. August: Göring leitet den Luftangriff gegen Polen.
1. September: Hitler nominiert in einer Reichstagsrede Göring offiziell zu seinem Nachfolger und Heß zu Görings.
ab Oktober: Auf Görings Befehl erfolgen die Eingliederung der gesamten polnischen Industrie in das "großdeutsche" Wirtschaftssystem, die Enteignung aller polnischen Juden und die Einziehung von zivilen polnischen Arbeitskräften für die deutsche Rüstungsindustrie.

1940
19. Juni: Auf dem Höhepunkt seiner militärischen Erfolge erhält Göring den für ihn geschaffenen höchsten militärischen Dienstgrad "Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches", um sich von den anderen Offizieren im Range eines Generalfeldmarschalls abzuheben.

1940/41
Durch seine militärischen Mißerfolge in der Luftschlacht um England verliert Göring zunehmend sein Ansehen. 1941
13. Mai: Hitler beauftragt Göring offiziell mit der wirtschaftlichen Ausbeutung Rußlands.
31. Juli: Göring leitet Hitlers Befehl an Heydrich weiter, die "Endlösung" der sogenannten Judenfrage auf das gesamte von Deutschland beherrschte Gebiet Europas auszudehnen.

1942
27. März: Der kurz zuvor zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannte Fritz Sauckel (1894-1946) wird von Göring mit Vollmachten ausgestattet, die ihm die bedenkenlose Ausnutzung der russischen Zivilbevölkerung und der Kriegsgefangenen für die deutsche Industrie erlauben.

1942/43
Görings Luftwaffe scheitert bei dem Versuch, die bei Stalingrad eingeschlossenen Truppen zu unterstützen und kann nur etwa 20% der benötigeten Versotgungsgüter in den Kessel einfliegen, aber Hitler befiehlt den Truppen wegen Görings Versprechen trotzdem durchzuhalten.

1943
12. Januar: Trotz der angespannten Lage der deutschen Streitkräfte in der Sowjetunion feiert Göring seinen 50. Geburtstag mit enormem Aufwand und fordert vom Finanzminister weitere zwei Millionen Reichsmark zur Vergrößerung von "Karinhall".
Juli: Hitler weigert sich entgegen der parteiinternen und öffentlichen Kritik, Göring die Leitung der Luftwaffe zu entziehen.
November: Göring hält seine letzte Rundfunkansprache. Er zieht sich zunehmend aus der Öffentlichkeit zurück.

1944
September: Hitler bestätigt Göring in seiner Stellung als Beauftragter für den Vierjahresplan, obwohl dieser im Zentrum massiver parteiinterner Kritik steht und sich in der aktuellen Kriegslage vollkommen passiv verhält und völlig unrealisierbare Projekte vorschlägt (zB: Er schlug vor Lokomotiven wegen Stahlmangeles aus Beton zu fertigen).

1945
23. April: Von Berchtesgaden aus erbittet er Hitlers Einverständnis zur Übernahme der Staatsgeschäfte.
Hitler veranlaßt daraufhin die Verhaftung Görings, seine Enthebung aus allen Ämtern und seinen Parteiausschluß.
8. Mai: Göring wird durch die amerikanische Armee auf Schloß Fischhorn am Zeller See gefangengenommen.
21. Mai: Internierung im amerikanischen Lager Mondorf nahe der luxemburgischen Grenze. Der über 280 Pfund schwere Göring muß sich einer Entziehungskur und einer Diät unterziehen.
September: Nach viermonatigem Verhör Verlegung in das Gefängnis des Nürnberger Justizgebäudes.
Oktober: Er wird als ranghöchster Nationalsozialist vor dem Internationalen Miltärgerichtshof in Nürnberg angeklagt.

1946
1. Oktober: Göring wird in allen Punkten der Anklage für schuldig befunden und zum Tod durch Erhängen verurteilt.
15. Oktober: Wenige Stunden vor der Urteilsvollstreckung begeht Hermann Göring durch die Einnahme von Zyankali Selbstmord in der Nürnberger Haftanstalt.




Der Hitlerputsch


Im Herbst 1923 schien Deutschland im Chaos zu versinken: In Sachsen und Thüringen hatten sich im sogenannten deutschen Oktober "proletarische Arbeiterregierungen" gebildet, die "Ordnungszelle" Bayern war auf scharfen Konfrontationskurs zur "marxistischen" Reichsregierung unter Gustav Stresemann gegangen, im Rheinland und in der Pfalz konnten Separatisten auf die tatkräftige Unterstützung Frankreichs zählen. Verkünder politischer Heilslehren hatten Konjunktur. Während die Kommunisten über eine Revolution nach russischem Vorbild nachdachten, hielten völkische Nationalisten und extrem Konservative aus Industrie, Politik und Militär die Zeit reif für eine Diktatur. Die zum Kampf gegen die verhaßte Weimarer Republik gerüstete Rechte spann ihre Fäden zunehmend in der bayerischen Hauptstadt. Hier war Adolf Hitler zum politischen Führer des "Deutschen Kampfbundes" gewählt worden, dem die Sturmabteilung (SA) und bewaffnete bayerische Einwohnerwehren angehörten. Als Hitler erkannte, daß er mit seiner SA vom "Marsch nach Berlin" anderer republikfeindlicher Kräfte um Gustav Ritter von Kahr ausgeschlossen und ins politische Abseits gestellt werden sollte, versuchte er am Abend des 8. November 1923, das Signal zum Kampf gegen die "jüdisch-marxistische Brut" in Berlin zu geben. Er rief die "Nationale Revolution" aus und erklärte die bayerische sowie die Reichsregierung für abgesetzt.  Hitlers improvisierter und dilettantisch durchgeführter Putschversuch, zu dem er Erich Ludendorff eiligst herbeigerufen hatte, blieb isoliert. Hitler-Anhänger ließen anschließend auf Flugblättern keinen Zweifel daran, wer die Schuld am Scheitern des Umsturzversuchs trug: der bayerische Generalstaatskommissar Kahr, der ebenso wie Otto von Lossow dem "völkischen Befreier" Hitler die Gefolgschaft verwehrt hatte.  Die NSDAP wurde nach dem mißglückten Putschversuch reichsweit verboten. Im Hochverratsprozeß gegen Hitler im Februar 1924 erhielt dieser mit fünf Jahren Festungshaft ein vergleichsweise mildes Urteil, außerdem wurde er wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die nationalsozialistische Propaganda den Putsch bereits in eine heroische Niederlage umstilisiert. Mit jährlich wiederkehrenden Totenfeiern für die Erschossenen und Aufmärschen der am Putsch beteiligten Blutordensträger gedachten die Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme 1933 dem 9. November 1923.  An jenem Novembervormittag mischte auch Hermann Göring mit. Gemeinsam mit General Ludendorff und Adolf Hitler marschierte Göring an der Spitze von SA-Männern Richtung Münchener Odeonsplatz. Wenige Meter vor der Feldherrenhalle aber peitschte ein Schuß, dann eine Salve über die Straße. Die bayrische Landespolizei war informiert worden und hatte vor dem Putsch mit Maschinengewehren ein Ende zu bereiten. Sechzig Sekunden lang tobte ein Schußwechsel, in dessen Folge 14 Putschisten und 3 Polizisten ums Leben kamen. Hitler und Ludendorff gingen Deckung suchend zu Boden, Göring aber wurde in die Hüfte getroffen und verlor sein Bewußtsein für einige Sekunden. Anschließend konnte er sich schwer blutend aus der Schußlinie schleppen, er wurde von SA-Männern auf einen Wagen gehievt und dann im Haus des jüdischen Möbelhändlers Ballin notdürftig versorgt. Nun aber mußte er vor der Polizei fliehen, schaffte es aber gemeinsam mit Carin die Grenze nach Österreich zu passieren. In Innsbruck suchte er ein Krankenhaus auf, um seine Verletzung behandeln zu lassen. Die hiesigen Ärzte spritzten Göring erstmals Morphium um seine schier unerträglichen Schmerzen zumindest kurzzeitig zu lindern. Dies war der Beginn einer Drogensucht, von der er erst kurz vor seinem Tod wieder geheilt wurde. Aus dem Krankenhaus entlassen nahm Hitler Kontakt zu ihm auf. Wieder wurde Göring mit einer überaus wichtigen Mission betraut, ein Beweis für seine wichtige Stellung gegenüber Adolf Hitler, welcher ihm nun befahl umgehend nach Italien zu reisen. Er sollte dort ein treffen mit dem "Duce" Benito Mussolini arrangieren und ihn um zwei Milliarden Lire für die geschwächte Partei bitten. Görings einnehmende Art und sein prestigeträchtiger Orden sollten ihm dabei, so dachte zumindest Hitler, behilflich sein. Aber der Plan ging nicht auf. Mussolini empfing den Gesandten Hitlers nicht einmal. Nun stand Göring vor einem ernsthaftem Problem: Sein Besitz in Deutschland war konfisziert worden und die von ihm zu einem großen Teil aufgebaute SA war von Ernst Röhm übernommen worden. So blieb den Görings nichts anderes über als nach Schweden zu gehen und bei Carins Eltern zu leben. Gezeichnet von der Drogenabhängigkeit versuchte er, unter starken Entzugserscheinungen leidend, seinem Leben ein Ende zu setzen und so wurde er in die Nervenheilanstalt für gefährlich Kranke bei Langbrö eingewiesen, wurde aber auch dort nicht von seiner Sucht geheilt. In einem Krankenblatt vermerkten seine Ärzte: "Brutaler Hysteriker mit sehr schwachem Charakter, depressiv, selbstmordgefährdet und antisemitisch. Trotz dieses Befundes wurde Göring am 7.Oktober 1925 entlassen, ohne Anzeichen von Geistesstörung, wie sein Arzt Olov Kinberg ausdrücklich festhielt. Als im Jahre 1927 eine Amnestie für politische Verbrecher ausgerufen wurde, kehrte Hermann Göring nach Deutschland zurück. In den folgenden Jahren schaffte er es durch kluges Taktieren, durch Bestechungen, durch sein weltmännisches Auftreten und durch skrupelloses Vorgehen Hitler den Weg zur Macht zu ebnen. Es gelang ihm auch den Wahlkampf mitzufinanzieren indem er Spendengelder von Krupp, Thyssen, Lufthansa, BMW, Heinkel, Messerschmidt und der Deutschen Bank bekam.
beträchtlichen Teil aus jugendlichen Luftwaffenhelfern

Der Vierjahresplan

Am 18.Oktober im Jahre 1936 wurde Göring zum Beauftragten für den Vierjahresplan.
Hauptziel der staatlich gelenkten Wirtschaftspolitik im NS-Regime war die "Wehrhaft-machung" Deutschlands durch Herstellung weitgehender Autarkie und einer forcierten Erweiterung des rüstungswirtschaftlichen Potentials. Adolf Hitlers geheime Denkschrift vom August 1936 zum "Vierjahresplan" umriß programmatisch das Ziel, Wirtschaft und Armee innerhalb von vier Jahren in Kriegsbereitschaft zu versetzen. Unter der Leitung des Beauftragten für den Vierjahresplan, Hermann Göring, wurde die private Wirtschaft gezwungen, sich den Erfordernissen anzupassen. Staat und Partei griffen durch verordnete Programme dirigierend in den Produktionsprozeß ein. Die Aufrüstung schuf Arbeitsplätze, vor allem sicherte sie hohe Gewinne, schränkte jedoch auch die Konsumgüterproduktion für die Bevölkerung ein. Neben der Rohstoffbeschaffung und Erzeugung von Ausgangsprodukten wie Gummi, Treibstoff, Stahl- und Leichtmetallerzeugnissen erhielt die Herstellung von Endprodukten wie Waffen und Munition einen immensen Auftrieb, der auch kleinen Zulieferbetrieben zugute kam. Ein Beispiel dafür ist die Produktion von optischen Zielgeräten für die neu geschaffene Luftwaffe und für die Panzertruppe. Viele Waffen basierten auf Konstruktionen, die in den zwanziger Jahren aufgrund der Verbotsbestimmungen des Versailler Vertrages illegal oder im Ausland erarbeitet worden waren. Mit der Bildung der Reichswerke "Hermann Göring" besaß der Staat Betriebe der Schwerindustrie, und auch die Schutzstaffel (SS) verfügte über eigene Unternehmen.


Die Phase der Rüstungskonjunktur 1933 bis 1939

Die Weltwirtschaftskrise hatte 1932 ihren Höhepunkt erreicht. 1933 entspannte sich die Lage bereits und die Konjunkturlage verbesserte sich weltweit. Während man in den USA auf eine "liberale" Wirtschaftspolitik setzte und zum ersten Mal eine antizyklische Konjunkturpolitik (New Deal) praktizierte, setzte man in Deutschland auf totalen Dirigismus mit staatlich initiierter Geldschöpfung ohne Waren- oder Devisendeckung.
Der Schwerpunkt der Maßnahmen richtete sich in Deutschland ausschließlich auf die Aufrüstung. So entfielen im Staatshaushalt 1934 bereits 2,6 Mrd. RM auf Ausgaben für die Wehrmacht, während für die "zivilen" Investitionen nur 1 Mrd. RM zur Verfügung gestellt wurden. Dem Reichsarbeitsdienst, der im Rahmen der Arbeitsbeschaffung, die "zivilen" Arbeiten durchführte, wurde bereits 1934 untersagt, Projekte weiter zu führen, wenn ihre militärische Bedeutung nicht klar erwiesen war. Bis auf den Autobahnbau, der schon in der Weimarer Republik projektiert wurde, wurden alle anderen zivilen Arbeiten eingestellt. Dies beweist nur den strategischen Wert, den ihm die Nazis beigemessen haben. Die Haupt-finanzierung der Rüstung lief nicht über Staatsaufträge und Staatsanleihen wie im ersten Weltkrieg, sondern konnte nur verschleiert durchgeführt werden, da das Reichsbankgesetz die Diskontierung langfristiger Investitionswechsel der Regierung über 400 Mill. RM Gesamt-summe untersagte. So bediente man sich eines von Schacht (Reichsbankpräsident, Wirtschaftsminister und Generalbevollmächtigter für die Kriegswirtschaft) ausgedachten besonderen "Tricks", indem man den Mefo-Wechsel erfand (Mefo = Metallurgische Forschungsgesellschaft m.b.H.). Alle Rüstungsaufträge wurden von der Mefo vergeben und mit kurzfristigen Wechseln (Laufzeit sechs Monate, die auf unbestimmte Zeit verlängert werden konnte) bezahlt. Abgelaufene Wechsel wurden mit neuen Wechseln beglichen. So schaffte man die Voraussetzung, langfristige in kurzfristige Wechsel zu verwandeln und damit entstand die Verpflichtung der Reichsbank, diese Wechsel in Zahlung zu nehmen. Von 1934 bis 1939 wurden Mefo-Wechsel in Höhe von 12 Mrd. RM ausgegeben. Die Mefo-Wechsel wurden vom Reich nie eingewechselt, sondern die Reichsbank erwarb sie als Treuhänder für das Reich und behielt sie als Belege für die Ausstellung von sogenannten Mefo-Wechsel-Bescheinigungen. Des weiteren hat die Regierung von 1933 bis 1935 statt langfristiger Schatzwechsel, "kurzfristige Arbeitsbeschaffungs-Wechsel" in Höhe von 3 Mrd. RM bei der Reichsbank in Zahlung gegeben.  Somit ist eine enorme Geldschöpfung betrieben worden, die unter normalen Bedingungen zu einer galoppierenden Inflation geführt hätte. Um dies zu verhindern, wurde am 26. November 1936 zu dem schon bestehenden Lohnstopp ein allgemeiner Preisstopp beschlossen.  Trotz dieser Manipulation funktionierte die Aufrüstung nicht so schnell wie dies von Hitler gewünscht wurde, da ein Mangel an vielen rüstungs-wichtigen Rohstoffen bestand, die aus Devisenmangel nicht importiert werden konnten, obwohl man die Zwangsbewirtschaftung der Importe (50 %) aus der Brüning-Zeit beibehalten hatte.  Der 1934 von Schacht entworfene "Neue Plan" sollte hier Abhilfe schaffen. Es wurde ein volles Moratorium auf alle auswärtigen Schulden erklärt. Jedes einzelne Außen-handelsgeschäft mußte von staatlichen Stellen genehmigt werden. Mit dieser hundert-prozentigen Kontrolle des Außenhandels wurden die Nahrungsmittelimporte zu Gunsten von rüstungswichtigen Rohstoffenimporten gedrosselt. Des weiteren wurden mit den von Deutschland ökonomisch abhängigen Staaten (Türkei, Griechenland, Bulgarien, Rumänien und Ungarn) bilaterale Handelsverträge abgeschlossen, die einen devisenlosen Zahlungs-verkehr beinhalteten. An die Stelle der Bezahlung für deutsche Importe trat eine Gegenleistung in Ware - mit Verechnungseinheiten als Preismaßstab. Um devisenbringende Exporte nach anderen Ländern zu steigern, wurde zur Dumpingpolitik gegriffen. Die von 1933 bis 1935 entstandenen Außenhandelsverluste in Höhe von 5 Mrd. RM wurden den Unternehmen aus den Exportausgleichskassen ersetzt, in die alle Unternehmen einen bestimmten Prozentsatz ihres Umsatzes einbezahlen mußten.  Der "Neue Plan" zeigte zunächst gewisse Erfolge. Das Außenhandelsvolumen stieg beispielsweise um 19 %. Bereits Anfang 1936 zeigten sich erneut erhebliche Engpässe. Die Importmenge ging um 12 % zurück, die Reserve an Arbeitskräften war erschöpft und die Produktionskapazitäten der Industrie reichten nicht mehr aus, um das gewünschte Tempo der Aufrüstung zu gewährleisten.  In dieser Situation verfaßte Hitler im August 1936 eine geheime Denkschrift für einen "Vierjahresplan", die im wesentlichen auf den Ausarbeitungen des IG-Farben-Direktors Carl Krauch beruhte, der eine Politik der wirtschaftlichen Autarkie vertrat. Ohne Rücksicht auf die Kosten sollte die Selbstversorgung mit synthetischem Treibstoff, Gummi und Erzen für den Kriegsfall sichergestellt werden. Hitler faßte die Ziele dieser Autarkiepolitik in zwei Punkten zusammen:
1. Die deutsche Armee muß in vier Jahren einsatzfähig sein. 2. Die deutsche Wirtschaft muß in vier Jahren kriegsfähig sein.  Göring, der Vertrauensmann von IG-Farben, trug die Denkschrift in einer Kabinettssitzung am 4. September 1936 vor. Er erörterte die Pläne mit den Worten: "Sie geht von dem Grundgedanken aus, daß die Auseinandersetzung mit Rußland unvermeidbar ist." Er schloß die Kabinettssitzung mit dem Hinweis: "Alle Maßnahmen haben so zu erfolgen, als ob wir im Stadium der drohenden Kriegsgefahr uns befänden."  Am 28. Oktober 1936 offerierte Göring im Berliner Sportpalast den "Vierjahresplan" als eine Konzeption zur Sicherung der Ernährung des Volkes. Unter der Parole "Kanonen statt Butter" verkündete er lautstark: "Erst schafft eine starke Nation. Zuviel Fett - zu dicke Bäuche. Ich habe selbst weniger Butter gegessen und habe zwanzig Pfund abgenommen." Göring wurde zum "Beauftragten für den Vierjahresplan" ernannt und zog immer mehr Kompetenzen des Wirtschaftsministers Schacht an sich. Er schuf ein neues System der Lenkung der Wirtschaft in Gestalt weitverzweigter "Vierjahresplan"-Behörden. Für Devisenvergehen wurde am 1. Dezember 1936 die Todesstrafe verfügt. Der Investitionsbedarf zur Realisierung des "Vierjahresplanes" wurde auf 8,6 Mrd. RM veranschlagt, wobei die Industrie lediglich 2,7 Mrd. RM selbst aufbringen sollte und der Staat 5,9 Mrd. RM aus dem Staatshaushalt bereitstellte. Zusätzlich wurden 2,3 Mrd. RM für besonders kostspielige Projekte als "verlorene Zuschüsse" bewilligt. Im Rahmen des "Vierjahresplanes" wurden die Aktien, die der Staat während der Weltwirtschaftskrise übernommen hatte, zu günstigen Bedingungen reprivatisiert. Um den Konzentrationsprozess noch zu beschleunigen, wurde am 30. Januar 1937 ein neues Aktiengesetz verkündet. Alle Aktiengesellschaften mit einem Grundkapital unter 100.000 RM mußten aufgelöst werden. Neugründungen wurden nur mit einem Grundkapital über 500.000 RM zugelassen. Zugleich erhöhte das Gesetz die Vollmachten der Vorstände gegenüber der Aktionärsversammlung (Führerprinzip). Um die unrentable Erzförderung zu betreiben, wurde von der Nazi- Regierung die AG "Reichswerke Hermann Göring" gegründet, die den Anteil der in Deutschland geförderten Erze von 12,5 auf 50 % steigerte. Die Rohstoffe wurden der Industrie zu günstigen Preisen zur Verfügung gestellt. Die Verluste trug die Staatskasse. Bereits am Ende 1937 waren sämtliche Rohstoffvorräte aufgebraucht und die gesamten Gold- und Devisenreserven des Reiches betrugen nur noch 74 Mill. RM - eine Summe die kaum ausreichte, die Tagesausgaben zu decken. Anfang 1938 war die Handelsbilanz wieder negativ und erreichte im Laufe des Jahres ein Defizit von 132 Mill. RM. Die Industrieproduktion ging drastisch zurück. Die Gruppe um Schacht schlug vor, dem Export zeitweilig den Vorrang zu lassen, eine enge Zusammenarbeit mit den Westmächten anzustreben, um über eine Anleihe und die Rückgabe der Kolonien zu verhandeln. Die IG-Farben-Gruppen setzte alles auf die Karte "Rüstung" und verlangte den Vierjahresplan-Kurs auf Biegen und Brechen fortzuführen und sofort mit der Ausführung des Eroberungsprogramms zu beginnen - auch gegen die Westmächte. Am 5. November 1937 fand in der Reichskanzlei eine Besprechung (siehe "Hoßbach-Protokoll") statt, in deren Verlauf Hitler eingestehen mußte, daß die Vierjahresplan-Politik fehlgeschlagen war. Er erklärte, daß die ersten Schritte die Niederwerfung der Tschechoslowakei und Österreichs seien und spätestens 1943/45 sei die Raumfrage zu lösen. Am 15. März 1938 erfolgte der "Anschluß" Österreichs. Bereits elf Tage später war das ganze Bankwesen Österreichs unter der Kontrolle der Deutschen- und Dresdener Bank. Die gesamte Schwerindustrie wurde den Reichswerken "Hermann Göring" einverleibt. Obwohl Deutschland die gesamte Finanz- und Wirtschaftskraft Österreichs absorbierte, traten bereits im Sommer 1938 noch größere Rohstoff- und Finanzprobleme als 1937 auf. Diese veranlaßten den Finanzminister, am 1. September 1938 Hitler mitzuteilen, daß die Maßnahmen "die Kassenbestände vollkommen aufzehren". Göring verordnete bereits am 22. Juni 1938 die "Dienstpflicht zur Überwindung des Mangels an Arbeitskräften". Doch die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ließen sich nicht mehr überwinden, somit kam zum politischen Willen Krieg führen zu wollen, die ökonomische Notwendigkeit und damit wurde der Krieg unausweichlich.


Die Kriegswirtschaft 1939 bis 1945

Am Anfang des Krieges standen vorwiegend organisatorische Maßnahmen. Am 17. März 1940 wurde das Reichsministerium für Bewaffnung und Munition unter Todt gebildet, das der Ausgangspunkt für die weitgehende Zentralisierung der Wirtschaft wurde. Bereits am 27. August 1939 wurde mit Wirkung vom nächsten Tag die Rationierung von Lebensmitteln, Kleidung, Energie und Grundstoffen angeordnet. Aufgrund der Erfahrungen aus dem I. Weltkrieg wurde diese Maßnahme seit 1934 systematisch vorbereitet und bis 1944 auf dem festgelegten Niveau durchgehalten. Dies war nur möglich, da die Nahrungsmittel der besetzten Länder rigoros dem deutschen Markt zugeführt wurden. Nur 1942 gab es eine Kürzung bei wichtigen Grundnahrungsmitteln, die dann ab 1945 in zunehmendem Maße durch Ersatzstoffe ersetzt wurden.  Auf industriellem Gebiet konnte der Ausstoß an Kriegsmaterial in etwa gehalten werden, obwohl in Deutschland die Investitionen laufend zurück gingen und 1944 nur noch 40 % des Standes von 1938 erreichten. Die Differenz mußten die besetzten Länder liefern. Um den enormen Finanzbedarf zu sichern, wurden seit Kriegsbeginn die Steuern laufend erhöht. Das Steueraufkommen stieg bis 1943 an, um dann bis Kriegsende stark abzusinken. Durch Steuern wurden während des Krieges etwa 190 Mrd. RM für die Kriegsausgaben aufgebracht. Doch diese Summe reichte bei weitem nicht aus. Deshalb wurde bereits vor Kriegsbeginn am 15. Juni 1939 das Reichsbankgesetz geändert, das nun den Schatzwechsel wie 1914 als Mittel zur Deckung der Währung wieder zuließ (letzter Anlaß für das "Zerwürfnis" mit Schacht). Nur so ist es möglich gewesen, daß Deutschland im Laufe des Krieges 830 bis 850 Mrd. RM ausgeben konnte. Von diesen Staatsschulden stellten die Privatbanken und Sparkassen 164 Mrd. RM zur Verfügung. Die Auslandsschulden erhöhten sich von 1,8 Mrd. RM im Jahre 1940 auf 31,5 Mrd. RM im Jahre 1944.  Noch weitere Geldquellen erschlossen sich die Nazis in den besetzten Ländern. Sie mußten Besatzungskosten bezahlen, die sich zwischen 1940 und 1944 auf 84 Mrd. RM beliefen. Die einfallsreichste Geldbeschaffung war das Ausstellen von Kreditkassenscheinen, die von der Wehrmacht und anderen Nazi-Organisationen als Zahlungsmittel ausgestellt wurden. Sie stellten eine fiktive Anweisung auf das Guthaben des besetzten Landes dar, die nach dem Krieg eingelöst werden sollte. Mit Hilfe dieser Methoden gelang es den Nazis bis 1944 insgesamt 124,6 Mrd. RM aus diesen Ländern herauszupressen.

Denkschrift zum Vierjahresplan 1936

In Europa gebe es nur zwei Staaten, Deutschland und Italien, die dem Bolschewismus gegenüber standfest anzusehen seien. Alle anderen würden früher oder später an ihren inneren Widersprüchen zugrunde gehen. Ein aussichtsvoller Krieg gegen die Sowjetunion sei daher nicht von ihnen zu erwarten. Aus diesem Grunde müsse das Ausmaß und das Tempo der militärischen Auswertung der deutschen Kräfte soweit als möglich gesteigert werden.
Die endgültige Lösung liegt in einer Erweiterung des Lebensraumes bzw. der Rohstoff- und Ernährungsbasis des deutschen Volkes. Es ist Aufgabe der politischen Führung, diese Frage dereinst zu lösen ... Innerhalb von vier Jahren müßten sowohl die Armee einsatzfähig als auch die Wirtschaft kriegsfähig sein.
Damit programmiert Hitler die Entfesselung eines neuen Krieges auf 1940.




Copyright 2002  Michael Harald Kores
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